Die Bucht am Rande der Zeit
 
Ronald Schweppe






Aljoscha Long
»Eine lichtvolle Parabel über den Sinn des Lebens.« (Stadt Spiegel Viersen)


Leseprobe

Die Bucht

am Rande

der Zeit




Prolog

Aus der Tiefe des blauen Ozeans tauchten zwei Schatten empor, ein großer und ein kleiner. Der kleine Delphin war gerade geboren worden und seine Mutter lenkte das Baby nach oben, zum Licht und zur Luft. Es war Zeit für den ersten Atemzug.

Der kleine Delphin war verwirrt. Vage Erinnerungen von anderen Welten und Wesen schimmerten wie bunte Bilder in seiner Seele. Doch diese Bilder verblassten allmählich, wie ein Traum. Und als der kleine Delphin die Oberfläche des Meeres zum ersten Mal durchbrach und seinen ersten Atemzug tat, hatten sie sich fast vollständig aufgelöst.

Nur ein Wort klang in seinem Herzen nach: ... Mama ...

Wie farbenfroh die Welt doch strahlte, wie wunderbar das Gleiten im Wasser war, die Nähe der warmen Mutter, die ihn mit ihrem Leib wärmte und leitete! Und jetzt die Wellen des Meeres, die salzige Luft, der Himmel – und nicht allzuweit entfernt stieg der Meeresboden aus dem Wasser. Dort stand ein Wesen und blickte aufs Meer hinaus, und dem kleinen Delphin war, als wäre es mit diesem fremden Wesen tief in seiner Seele verbunden.

Neugierig sah er ihr in die Augen und fühlte für einen kurzen Augenblick eine starke, unendliche Liebe, bevor er wieder mit seiner Mutter in die Tiefe tauchte. 




1

Emily wusste, warum ihre Mutter weinte, als die kleine Insel in der blauen Unendlichkeit auftauchte. Doch sie empfand kein Mitleid mit ihr, drehte sich entschlossen weg, schaute aus dem Fenster und beobachtete, wie die zarten, rosa Wolken zurückwichen. Wie im Theater, dachte sie, wenn der Vorhang vor dem letzten Akt ein letztes Mal aufgezogen wird, bevor er schließlich endgültig fällt.

Die alte Propellermaschine stolperte unbeholfen durch die Luft, während sie langsam tiefer sank. Emily wurde schwindelig. Ihr Magen verkrampfte sich und eine leichte Übelkeit stieg in ihr auf. Mit feuchten Händen zog sie ihren Gurt noch etwas fester. Aus dem Fenster konnte sie bereits die Landebahn erkennen – ein dünnes Band, das neben dem Berg, der sich wie ein steinerner Koloss in den Himmel reckte, beunruhigend klein wirkte. Ob sie wirklich auf diesem winzigen grauen Strich, der sich durch all das leuchtende Grün zog, landen konnten? Emily bezweifelte es. Doch als die ersten Palmen auftauchten, lösten sich ihre sorgenvollen Gedanken schnell auf. Staunend versank Emily im Wunder des Augenblicks. Sie sah den Strand und die Yachten, die unweit des Flughafens wie Spielzeugschiffchen auf den Wellen schaukelten. Sie presste ihre Nase immer fester an das kleine Fenster, und ihre Übelkeit verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

Ja sicher, die Bilder im Katalog waren einladend und verheißungsvoll gewesen, doch gegen die Wirklichkeit, gegen diese weiten, weißen Sandstrände, das tiefe Blau des Meeres, das zarte Türkis, dort, wo das Wasser sich den Felsen zaghaft näherte, verblassten sie, wie alte Erinnerungen.


...


„Wir bleiben die ganzen Sommerferien, Emily. Und wer weiß – wenn es uns gefällt, vielleicht ja sogar noch länger...“, hatte ihre Mutter leise gesagt, und dabei hatte sie plötzlich gar nicht mehr gelächelt, sondern mit den Tränen gekämpft.


Inzwischen kannte Emily den Grund für die Reise, und sie wusste auch, warum ihre Mutter weinte. Es war wegen ihr. Emily wusste, dass dies ihr letzter Sommer sein würde und dass sie auf dieser Insel mit ihren Sandstränden, Palmenhainen und dem bunten Fischerdorf sterben würde.



2

Das kleine Flugzeug schwebte knapp über den Wellen, die auf den Strand zuliefen und dabei, wie als Willkommensgruß, weiße Schaumkronen aufgesetzt bekamen. Emily konnte schon die sonnenbraunen Gesichter der Kinder erkennen, die in der Brandung spielten und dem dröhnenden Flieger lachend zuwinkten. Für einen kurzen, erschreckenden Moment sah es so aus, als würde das Flugzeug im Wasser landen, doch nach einem letzten kurzen Aufjaulen der Propellermotoren ruckelte es sicher über die Landebahn.

Als die Motoren endlich schwiegen und die Maschine ausrollte und schließlich zum Stehen kam, war es plötzlich ganz still. Während draußen die Palmenblätter in der sanften Brise gemächlich tanzten, musste Emily daran denken, wie sehr sie sich auf diesen Moment gefreut hatte. Allein die Vorstellung, dass ihre Mutter endlich einmal Zeit mit ihr verbringen würde, statt wie sonst im Sog ihrer niemals endenden Verpflichtungen und Sorgen zu versinken, hatte ein warmes, wohliges Gefühl in ihrer Brust hinterlassen. So musste es sich also anfühlen, das Glück. So musste es sich anfühlen, eine Mutter zu haben, die für einen da war und für die man nicht immerzu nur lästiges Beiwerk war. Allabendlich hatten sehnsuchtsvolle Gedanken Emily beim Einschlafen in die Ferne getragen. An den ersten Tagen war sie morgens ängstlich zu Mama gelaufen und hatte nachgefragt, ob sie denn auch wirklich, wirklich fliegen würden. Doch bald schon wachte sie Morgen für Morgen mit der freudigen Gewissheit auf, dass das alles kein Traum war.

Bis zu jenem Abend, als das Telefon klingelte und den Traum zerriss.


...


5

Der glatte Fels fühlte sich warm unter ihren Füßen an. Dabei war es noch nicht einmal eine Stunde her, seit sich die Sonne aus dem Meer gehoben hatte. Nicht lange mehr, dann würde ihre Mutter aufwachen. Sie würde an der Rezeption vorbei zur Terrasse gehen und sich dann wundern, dass Emily dort noch nicht über ihren Kakao gebeugt saß. Und sie würde aufgeregt nach ihr suchen. Bei diesem Gedanken stahl sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen.

Emily war eine Frühaufsteherin. Die Stunden, bevor die Welt erwachte, waren ihr schon als kleines Mädchen heilig gewesen. Manchmal war es leichter, richtig wach zu sein, wenn alle anderen schliefen. Mutter würde wieder nach oben gehen und Emily auch nicht in ihrem Bett finden. Dann würde sie auf dem Balkon Ausschau halten. Sie würde ihre Augen zu engen Schlitzen zusammenkneifen, dort oben wie ein lauernder Raubvogel regungslos warten und sich nach einem Fernglas sehnen.

Emily seufzte. Wie satt sie das alles hatte. Besser sie kam zurück, bevor Mama wieder ihre Weinkrämpfe bekam. Diese Szenen nahmen in letzter Zeit zu; und sie waren anstrengend. Emily wollte nur noch in Ruhe gelassen werden. Und die Chancen dafür standen am besten, wenn sie die artige, unwissende Tochter spielte, die zum Frühstück erschien und lieb fragte, ob sie das Fischerdorf besuchen dürfe.


An den ersten beiden Tagen hatte ihre Mutter noch darauf bestanden, sie zu begleiten. Zum Glück war es ihr bald zu eintönig geworden, ihrer schweigenden Tochter dabei zuzusehen, wie sie auf einem Steg saß und stundenlang aufs Meer starrte.

„Was ist denn los, Emily?”, hatte sie gefragt. Emily hatte sich nicht anmerken lassen, was in ihr vorging.

„Gar nichts. Ich schaue nur gern aufs Meer.”

„Wird dir das nicht zu langweilig, Kind?”

„Nein.”

Ihre Mutter seufzte resigniert, und Emily wartete insgeheim darauf, dass sie nun vielleicht endlich mit der Wahrheit herausrücken würde. Doch vergebens. In Emily brodelte es. Sie war so wütend auf ihre Mutter und auf all die anderen Feiglinge, dass sie sich auf die Unterlippe beißen musste. Sie war wütend auf die gleichgültige, kalte Welt, die sich ungerührt weiterdrehen würde, nachdem sie längst im Himmel war, in der Hölle oder wer weiß schon wo. Sie war wütend auf sich selbst – darüber, dass sie heulen musste, wenn sie allein war. Und auch auf ihren Vater war sie wütend, dass er nicht besser aufgepasst, sondern sie und ihre Mutter im Stich gelassen hatte. Sechs Jahre war das jetzt her.


...


Emily wandte den Kopf ab. Tränen liefen ihr aus den Augen und landeten wie salzige Erinnerungen auf ihren Lippen. Trotzig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und machte sich auf den Weg zum Hotel.



...


7

Heute wollte Emily die Klippen erkunden, die jenseits der Mündung des Flusses hinter dem Fischerdorf aus dem Meer ragten und sich von dort aus um die halbe Insel zogen. Die Fischer hatten sie vor den schroffen Felsen gewarnt. Es gäbe tückische Spalten, in die sie fallen könne und Höhlen, die sich bei Flut unerwartet schnell mit Meerwasser füllten. Doch die Vorstellung von geheimnisvollen Höhlen machte Emily keine Angst. Das machte sie nur noch abenteuerlustiger und steigerte ihre Neugier. Alles, was sie von dem Gedanken ablenkte, dass sie bald nichts davon mehr sehen würde, keine Sonne auf ihrer Haut spüren, keine salzige Meeresluft einatmen, sondern stattdessen in einer Kiste in der schwarzen Erde vergraben würde… alles, was sie von diesen Gedanken ablenkte, war willkommen.

Aber da war noch etwas anderes: Im Gegensatz zum Strand, zum Fischerdorf oder den Cafés im Hafen, die auch einladend waren, fühlte sich Emily von den rauen Felsen und den meerumtosten Klippen geradezu magnetisch angezogen. Sie spürte eine tiefe Sehnsucht, die sie sich nicht erklären konnte.


Schon nach einer Viertelstunde hatte sie das Dorf weit hinter sich gelassen und näherte sich dem Fluss. Eine alte Steinbrücke führte über das Wasser. Emily überquerte die Brücke, verließ den Weg und wandte sich nach rechts in Richtung Meer.

Hier sah es verlassen aus, und das gefiel ihr – jedenfalls anfangs. Nachdem Emily sich jedoch erst einmal durch einige Dutzend Meter dichten Gestrüpps gekämpft und sich die Arme ordentlich aufgeschrammt hatte, verlor sie nicht nur die Lust, sondern auch jede Orientierung. Verzweifelt sah sie nach oben. Vom Stand der Sonne soll man ja die Himmelsrichtung ablesen können. Doch die Sonne taugte nicht als Kompass. Gleichgültig brannte sie von der Mitte des Himmels herab.

Wenn ich jetzt hier sterbe, wird mich garantiert nie jemand finden, dachte Emily. Tränen stiegen in ihre Augen. Sollte sie hier sterben? Ganz allein? Vielleicht hätte sie sich doch noch von ihrer Mutter verabschieden sollen. Wie so oft, wenn die Verzweiflung überwältigend wird, verwandelte Traurigkeit sich in Wut. Emily ärgerte sich darüber, wie sie nur so dumm hatte sein können, den Weg zu verlassen.

Doch dann wurde ihr bewusst, dass sie höchstens ein paar hundert Meter vom Meer entfernt sein konnte. Emily blieb stehen. Sie sog die salzige Luft tief ein. Schließlich schloss sie die Augen, hielt den Atem an und lauschte. Die Wellen waren zwar leise, aber sie konnte hören, woher das Rauschen kam. Außerdem hörte sie noch ein anderes Geräusch – ein Plätschern und Zischen wie aus dem Bauch eines hungrigen Riesen.

Emily kämpfte sich durch die Sträucher. Endlich lichtete sich das Gebüsch. Sie hörte das Rumoren nun immer lauter: Es war Meerwasser, das in einer Felsöffnung gurgelte.

Die Spalte tat sich ganz unvermutet unter ihren Füßen auf. Hätte Emily nicht gut auf ihre Schritte geachtet, wäre sie hineingestürzt. In der Tiefe öffnete sich der Spalt nach vorn zu einer winzigen Bucht, die von einer natürlichen Felsmole geschützt war. Emily legte sich auf den Bauch und blickte hinab. Vielleicht fünfzehn Meter unter ihr lag ein kleiner Sandstrand, der sich weich bis zwischen die Felsen ausdehnte. Sehnsüchtig blickte sie nach unten. Sie musste unbedingt da hinunter. Woher dieser starke Drang kam, verstand sie nicht, aber sie wusste, dass sie das irgendwie schaffen musste.

Die steilen Felsen luden nicht gerade zum Klettern ein. Wenn sie doch wenigstens ein Seil hätte! Weit unten schlugen Wellen an schroffe Felsblöcke. Emily suchte die Felsen nach natürlichen Trittstellen ab, doch überall sahen sie glatt und gefährlich aus. Als ihr Blick jedoch zu dem Gestein direkt unter ihr wanderte, begann ihr Herz schneller zu schlagen: Hier waren Stufen grob in den Felsen gehauen, die das Hinunterklettern so einfach wie Treppensteigen erscheinen ließen.

Einige Minuten später stand sie in der Bucht. Emily hätte nicht sagen können, was an diesem Stückchen Sandstrand so großartig war. Sie fühlte sich einfach wohl. Und das Gefühl, dass hier etwas auf sie wartete, war stärker als zuvor. Vielleicht würde sie ja irgendwo einen Schatz entdecken?

Auf der linken Seite der Bucht wuchsen Felsen aus dem Meer und bildeten die Mole eines natürlichen Hafens. Emily kletterte auf die warmen Steine. Sie legte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Hier war es wunderbar. Neben ihr klatschte der Ozean im immer gleichen, einschläfernden Rhythmus an den Fels. Ab und zu spürte sie den Sprühnebel der Brandung auf der Haut.




8

Emily begann gerade zu träumen, als sie ein plätscherndes Geräusch neben sich hörte. Sie öffnete die Augen, drehte sich auf den Bauch und suchte das Wasser ab. Hatte sie sich das Plätschern nur eingebildet? Sie wollte sich gerade wieder auf den Rücken legen, als sie auf einmal einen grauen Schatten knapp unterhalb der Wasseroberfläche entlang gleiten sah. ‚Ein Hai’ war ihr erster Gedanke und sie zuckte zurück. Doch dann hob der Schatten seinen Kopf aus dem Wasser, sah Emily direkt in die Augen und schien sie anzugrinsen: ‚Ein Delphin’!

Emily näherte sich vorsichtig. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen echten Delphin gesehen. Sie kannte Delphine nur aus Büchern und wusste natürlich, dass sie keine Fische sondern Säugetiere waren und ziemlich intelligent sein sollten.

Der Delphin schwamm nicht weg. Er beobachtete Emily. Die beiden sahen sich an. Plötzlich senkte er die Schnauze und bespritzte Emily mit Wasser. Erschrocken sprang sie auf, wich hastig zurück und wäre beinahe auf der anderen Seite der Felsmole ins Meer gefallen. Sie torkelte wie ein Betrunkener und kam sich dabei ziemlich albern vor. Was war schon passiert – es war doch nur ein bisschen Wasser! Der Delphin wollte sicher nur spielen. Sie legte sich wieder hin und schob sich ganz dicht an den Rand des Felsens. Der Delphin steckte seinen Kopf aus dem Wasser. Emily hatte den Eindruck, als ob er sie auslachte.

Vorsichtig streckte sie die Hand nach ihm aus. Der Delphin glitt ganz nah an die Felsen heran, bis Emily ihn berühren konnte. Wie glatt und warm sich seine Haut anfühlte. Wie angewärmte Gummistiefel. Plötzlich fiel ihr Blick auf die Armbanduhr ihrer ausgestreckten Hand. Schon so spät!

„O Gott! Tut mir leid, ich muss sofort los!”, rief sie dem Delphin zu und stürzte los. Beinahe wäre sie gestolpert, als sie glaubte, eine Stimme in ihrem Kopf zu hören, die flüsterte: „Komm bald wieder, krankes Mädchen ...”

Emily fing sich gerade noch, drehte sich um und sah nach dem Delphin. Hatte er wirklich mit ihr gesprochen? Unmöglich! Das war doch lächerlich. Oder wurde sie jetzt langsam verrückt? Der Delphin war ein Stückchen weit hinausgeschwommen und wandte sich Emily ein letztes Mal zu. Dann tauchte er, sprang kurz darauf in hohem Bogen aus dem Wasser und verschwand in der blauen Weite.

‚Komm bald wieder, krankes Mädchen ...’ – in Emilys Kopf hallte das Flüstern noch lange nach. Ja, ganz sicher würde sie wiederkommen. Und das so schnell wie möglich.



...

Als die vierzehnjährige Emily mit ihrer Mutter auf eine traumhafte Insel fliegt, weiß sie bereits, dass diese Reise ihre letzte sein wird. In einer verborgenen Bucht lernt sie den weisen Delfin Vadanti kennen, der ihr bester Freund wird. In ihren Begegnung mit ihm lernt sie, mit ihrer Angst und Wut umzugehen, und die Trauer um ihre verlorene Zukunft verwandelt sich in Lebensfreude....